B-Uhr Nachbau

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Nachdem es zwischenzeitlich andere Prioritäten gab, habe ich den Gedanken eine "echte" Fliegeruhr zu bauen nun wieder aufgegriffen.
Deutschland, die Vereinigten Staaten und nicht zuletzt Indonesien spielten bei der Entstehung dieser Uhr eine Rolle. Wie das zusammen passt möchte ich in diesem Bericht schildern.

Die B-Uhren der „Reichsluftwaffe" aus dem zweiten Weltkrieg und insbesondere das Zifferblattdesign des „Baumusters B", das stark auf die gute Ablesbarkeit von Minuten und Sekunden abzielt und den Stundenkreis in den Hintergrund treten lässt, hatten es mir schon lange angetan.

Im Rahmen meiner ersten Hamilton Umbauten hatte ich ja bereits eine Uhr, deren Design an eine B-Uhr nach dem „Baumuster A" angelehnt ist, als Fingerübung gebaut.
Richtig zufrieden war ich mit dieser Uhr allerdings nicht, denn zu einer Fliegeruhr passt eigentlich keine kleine Sekunde.

Die originalen "Baumuster B" Uhren aus den 40er Jahren sind mit einem Durchmesser von 55mm in meinen Augen nicht alltagstauglich. Mit Preisen von >8.000,-€ für ein gut erhaltenes Exemplar liegen sie auch außerhalb meiner finanziellen Möglichkeiten.
Der Kauf eines Nachbaus von einem der renommierten Hersteller wäre einfach gewesen, aber dort bekommt man für einen vierstelligen Betrag nur Standardkost, was die verwendeten Uhrwerke angeht.

Es war also ein Selbstbau, oder besser gesagt die Kombination geeigneter Einzelkomponenten zu einer kompletten Uhr angesagt.

Lange scheiterte diese Vorhaben schon am Gehäuse. Ich hatte mich auf einen Durchmesser von +/- 47mm festgelegt, weil ich das für mein Handgelenk für gerade noch tragbar halte.
Als ich dann beim Stöbern im Internet auf die indonesische Internetseite Athaya Vintage stieß, bekam das Projekt wieder neuen Schwung.
Die dort angebotene AV001 hat einen Durchmesser von 47mm und das Gehäuse machte zumindest auf den Bildern einen gut verarbeiteten Eindruck.
Der Kauf der kompletten Uhr kam aber auch hier nicht in Frage. Einerseits gefielen mir die blau lackierten Zeiger nicht und andererseits konnte ich mich mit dem verbauten kleinen Miyota 8215 Automatik Werk so gar nicht anfreunden.
Ich schrieb also Adrian, den Inhaber von Athaya Vintage an und erkundigte mich, ob ich das Gehäuse der AV001 auch einzeln kaufen könne.
Erfreulicherweise war nicht nur das möglich, sondern er konnte mir auch thermisch gebläute Zeiger und ein historisch besser passendes Plexiglas statt des eigentlich verbauten Saphirglases anbieten.
Zum Gehäuse generell ist zu sagen, dass es sich formal an dem von Laco für deren B-Uhren verwendeten orientiert. Deutlich wird dies vor allem an der Formgebung der Bandanstöße.

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Zwar hätte ich auch einen massiven Gehäuseboden bekommen können, dennoch habe ich einen Boden mit eingesetztem Sichtglas gewählt. Dies ist als Konzession an das sehr schöne Werk zu sehen, das ich verbaut habe. Dazu weiter unten mehr.

Die Verarbeitung des Gehäuses ist insgesamt gut. Das Gewinde des Bodens läuft sauber und auch dessen Verglasung ist sauber eingesetzt.
Leider hielt das Deckglas eine unangenehme Überraschung bereit: Es hatte einen etwas zu kleinen Durchmesser und seine Verklebung war so schwach, dass es schon bei leichtem Druck von der Unterseite heraus sprang.
Ich besorgte mir also ein neues Glas mit einem Durchmesser von 42,8mm. Dieses Glas ließ sich mit gut dosiertem Druck ins Gehäuse einsetzen. Zur Verbesserung der Wasserdichtigkeit wurde es zusätzlich mit klarem 2K-Epoxidharzkleber, der vor dem Einpressen auf dem Glassitz des Gehäuses dünn aufgetragen wurde, verklebt.
Das eigentlich von Anthaya Vintage verbaute Saphirglas bekam ich übrigens separat mitgeliefert.

Schon bei der Recherche zu meinen ersten Hamilton Umbauten waren mir die Werke 3992b und 4992b von Hamilton aufgefallen, die während und auch nach dem zweiten Weltkrieg in Uhren der Alliierten verwendet wurden.

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Beide basieren auf dem Hamilton 992b, haben eine indirekte Zentralsekunde und sind aufgrund ihres Verwendungszwecks auf hohe Präzision ausgelegt.

Das 3992b ist ein 12 Stunden Werk und kam vor allem in Uhren für die britischen und kanadischen Streitkräfte zum Einsatz. Je nach Quelle findet man für dieses Werk Produktionszahlen zwischen 2.300 und 2.600 Stück. Es ist heute nur noch selten anzutreffen und entsprechend teuer.

Das 4992b, welches für Uhren der US-Streitkräfte gefertigt wurde, ist ein 24 Stunden Werk. Die Angaben zu den Produktionszahlen dieses, ab 1941 hergestellten Werks schwanken noch mehr, als beim 3992b. Es finden sich Werte zwischen ca. 96.000 und 145.000 Stück.
Die genaue Anzahl war für mich aber auch nicht wirklich von Belang. Wie man sich aber denken kann, ist das 4992b heute noch deutlich häufiger anzutreffen und auch günstiger zu bekommen als das 3992b.

Nach dem Krieg wurden viele 4992b für den zivilen Gebrauch auf 12 Stunden Anzeige umgerüstet und die Uhren mit entsprechenden Zifferblättern versehen. Sieht man sich heutige Angebote für diese Uhren an fällt auf, dass bei ihnen häufig auch der Sekundenstopp (engl. "Hack") ausgebaut wurde.
Was hier der Hintergrund ist kann ich nicht nachvollziehen und ich habe auch keine weiteren Informationen dazu finden können.
Da der Sekundenstopp, ähnlich wie die Zentralsekunde, meines Erachtens aber unbedingt zu einer Fliegeruhr gehört, wollte ich auf diese Funktion auf keinen Fall verzichten.

Nach ein paar Wochen der Suche lief mir dann ein 4992b in wirklich sehr gutem Zustand und mit noch vorhandenem Sekundenstopp über den Weg.

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Es war bisher nicht modifiziert worden, wies also eine 24 Stunden Anzeige auf.
Deswegen hatte ich zunächst darüber nachgedacht, ein 24 Stunden Zifferblatt anfertigen zu lassen, das sich stilistisch an das Zifferblatt der „Baumuster B" Uhren anlehnt.
Aufgrund des relativ kleinen Stundenkreises hätte dann aber die Ablesbarkeit deutlich gelitten.
Ich habe mich also dazu entschlossen, das Uhrwerk auf eine 12 Stunden Anzeige umzubauen.

Schon im Vorhinein hatte ich Informationen gesammelt, wie das zu bewerkstelligen wäre.
Meine Recherche ergab, dass es nicht nur einen Weg für den Umbau gibt, sondern unterschiedliche Teile verwendet werden können. 
Sicher ist, dass sowohl ein Wechsel-, als auch ein Stundenrad mit abweichender Verzahnung erforderlich sind.
Offensichtlich wurden und werden aber unterschiedliche Ausführungen von Wechselrädern zur Modifikation verwendet.

Grundsätzlich geeignete Wechselräder für das 4992b gibt es mit unterschiedlicher Bohrung.
Diejenigen mit 24 Stunden Verzahnung haben generell eine Bohrung von 0,032'', entsprechend 0,813mm. Bei den Wechselrädern mit 12 Stunden Verzahnung gibt es solche mit eben diesem Bohrungsdurchmesser, aber auch solche mit einer Bohrung von 0,055'' entsprechend 1,397mm.
Nach meiner Vermutung handelt es sich bei den Rädern mit kleinerer Bohrung entweder um (Ersatz-) Teile, die für das 3992b produziert wurden, oder um Teile, die speziell für die Umrüstung der nach dem Krieg massenhaft verfügbaren 4992b für den zivilen Markt hergestellt wurden.
Die Wechselräder mit größerer Bohrung dürften für das Basiswerk 992b vorgesehen gewesen sein.
Auch diese Wechselräder lassen sich für eine Umrüstung verwenden, sofern man den Stift des Wechselrads ebenfalls tauscht.
Der untere Teil des Stifts, mit dem er in die Platine eingepresst ist, ist nämlich bei beiden Bauformen gleich. Auf den genauen Ablauf, wie der Stift zu tauschen ist, gehe ich hier nicht weiter ein. Es müssen aber große Teile des Werks zerlegt werden.
Ich selbst hatte das Glück, ein Wechselrad mit kleiner Bohrung zu finden.

Zum Tausch des Wechselrads muss zunächst die Winkelhebelfeder (hier rechts im Bild zu sehen) ausgebaut werden.

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Sie ist lediglich mit zwei Schrauben befestigt und kann, nachdem man diese gelöst hat, einfach nach oben abgenommen werden. Dabei muss man darauf achten, dass die Zahnräder des Zeigerstellmechanismus nicht herausfallen.
Nun kann das Wechselrad getauscht und abschließend die Winkelhebelfeder wieder montiert werden.

Beim Stundenrad habe ich auf eines aus dem Basiswerk 992b zurück gegriffen. Im Gegensatz zur Aussage einer Quelle im Internet musste es nicht aufgeweitet werden und konnte ohne Modifikation verwendet werden.

Durch den Tausch der beiden genannten Zahnräder wird die Untersetzung zwischen Minutenrohr und Stundenrad von 24:1 auf 12:1 reduziert und es kann nun ein Zifferblatt mit gewohnter 12 Stunden Indikation verwendet werden.

Die grobere Verzahnung der beiden Zahnräder ist im folgenden Bild gut zu erkennen.

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Hier noch ein paar allgemeine Details zum Werk:
Hersteller ist die Hamilton Watch Co. U.S.A.. Es trägt die Nummer 4C119282 und stammt demnach ca. aus dem Jahre 1956.
Das Uhrwerk verfügt über eine indirekte Zentralsekunde, eine monometallische Unruh mit Goldschrauben und eine Breguet-Spirale aus Paladium. Außerdem ist eine Schwanenhals Feinregulierung vorhanden und das 22steinige Werk ist mit Genfer Streifen verziert.
Wie die Gravuren erkennen lassen, war es ursprünglich in sechs Lagen und bei unterschiedlichen Temperaturen einreguliert.
Als ich das knapp sechzig Jahre alte Werk bekommen habe, war es schon gut einreguliert. Mit ein wenig "Feintuning" konnte ich es in einen Genauigkeitsbereich von <+10Sec. pro Woche bekommen. Erfreulicherweise wird diese Genauigkeit auch dann erreicht, wenn die fertige Uhr am Arm getragen wird.

Nun konnte es also an die Modifikation des Zifferblatts gehen.
Das Blatt von Athaya Vintage passte zwar vom Durchmesser, aber die Zifferblattfüße saßen für das 4992b natürlich nicht an den richtigen Positionen, weswegen sie entfernt werden mussten. Dies ließ sich leicht mit Hilfe eines Seitenschneiders bewerkstelligen. Die verbleibenden Reste wurden dann mit der Feile abgetragen.

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Der einfachste Weg das Zifferblatt auf dem Uhrwerk zu befestigen wäre es nun gewesen, es mittels spezieller Klebepads zu fixieren.
Wie ich schon an anderer Stelle geschrieben habe, eine in meinen Augen unfachmännische und nicht zu einer hochwertigen Uhr passende Methode.
Also habe ich mir im Furniturenhandel neue Zifferblattfüße für Taschenuhren besorgt.
Bei einem gemessenen Durchmesser von 1,28mm der Füße des Originalblatts, haben die neuen einen Durchmesser von 1,3mm. Damit sitzen sie passgenau in den dafür vorgesehenen Löchern des Werks.
Da sie ca, 1,2mm zu lang waren, mussten mit der Feile entsprechend gekürzt werden.
Auf dem folgenden Bild ist zu sehen, dass die neuen Füße zunächst nicht komplett im Werk saßen.

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Für die Befestigung der Füße am Blatt bin ich wie folgt vorgegangen:
Zunächst wurde das Uhrwerk zu dessen Schutz auf der Zifferblattseite mit einem Klebestreifen versehen. An den Befestigungspunkten für die Füße wurde der Klebestreifen gelocht, sodass die neuen Füße dort eingesteckt werden konnten.

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Die Füße wurden dann mit den dafür vorgesehenen Schrauben im Uhrwerk fixiert.

Nun wurde die Rückseite des Zifferblatts komplett entlackt und alle Auflageflächen mit Silikonentferner entfettet. Es wurde eine kleine Menge Zweikomponentenkleber auf die Oberseite der Füße aufgetragen, das Zifferblatt aufgelegt und ausgerichtet.
Um einen gleichmäßigen Druck auf die Klebeflächen auszuüben, wurde das Zifferblatt mit Messinggewichten beschwert.

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Nach 15 Stunden war der Kleber ausgehärtet. Das Zifferblatt wurde abgenommen und die Klebestreifen vom Werk entfernt.
Hier die Rückseite des fertigen Zifferblatts vor der abschließenden Lackierung.

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Ganz konnte ich auf neuzeitliche Materialien also nicht verzichten, aber das Risiko einer Beschädigung des Zifferblatts beim anlöten der Zifferblattfüße wäre mir zu groß gewesen. Dennoch entspricht die Verwendung "echter" Zifferblattfüße deutlich mehr der handwerklichen Tradition im Uhrenbau, als das direkte Aufkleben des Zifferblatts auf das Werk.

Schließlich musste noch die Bohrung des Zifferblatts aufgeweitet werden. Sie hatte lediglich einen Durchmesser von 2,5mm, was mir etwas knapp erschien. Mit Hilfe einer Diamantfeile wurde die Bohrung auf 3,0mm vergrößert, was dem üblichen Durchmesser bei Blättern für das 4992b entspricht.

Nun waren also alle Teile so weit vorbereitet, dass es an den Zusammenbau gehen konnte.

Zunächst wurde das Zifferblatt auf dem Werk befestigt.
Da es, aufgrund der Ansatzpunkte der neuen Füße etwas höher saß, als das Originalblatt, habe ich zwischen Blatt und Stundenrad eine Federscheibe aus hauchdünnem Messingblech verbaut, die das Stundenrad in Position hält. Eine Maßnahme, die bei Taschenuhren durchaus üblich ist.

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Als nächstes konnten dann die Zeiger gesetzt werden. War das beim Stundenzeiger vollkommen unproblematisch, so stellte sich das Auge des Minutenzeigers als zu groß heraus. Glücklicherweise ließ es sich durch Stauchen mittels einer Zange so weit verengen, dass der Zeiger letztlich einen festen Sitz hatte.
Auch der Sekundenzeiger musste leicht verengt werden, ließ sich dann aber problemlos setzen.

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Nachdem das Uhrwerk so weit vorbereitet war, konnte es eingeschalt werden.

Was jetzt noch fehlte, war die Aufzugswelle. Da die für Taschenuhren gedachten Aufzugswellen kein weit genug geschnittenes Gewinde für die Krone aufweisen, habe ich hier ein Neuteil verwendet. Nachdem die benötigte Länge ausgemessen war, wurde die Welle grob mit dem Seitenschneider gekürzt und dann mit der Diamantfeile auf die richtige Länge gebracht.

Natürlich musste das Uhrwerk auch im Gehäuse fixiert werden. Da die entsprechenden Aussparungen im Gehäuse zu tief und an unpassender Stelle lagen, war eine Befestigung mit Briden nicht möglich. Ich habe deswegen die gleich Art der Befestigung gewählt, wie bei den ersten Hamilton Umbauten. Hierzu wurden die Werkhalteschrauben so weit mit 1mm Unterlegscheiben unterfüttert, dass sie einige Zehntel über das Uhrwerk hinausstehen. 

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Wird nun der Gehäuseboden aufgeschraubt, so drückt dieser über die Schrauben Uhrwerk und Zifferblatt gegen die Rückseite des Rehauts.

Damit war die Uhr fertig und es musste nur noch ein passendes Band gefunden werden.
Die Konstruktion des Bandes, welches bei den originalen B-Uhren verwendet wurde, kam man dem folgenden Ausschnitt aus einem Dokument des "Reichsluftwaffenministeriums" von 1942 entnehmen.

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Ähnliche Bänder werden heute von einigen wenigen Anbietern zu sehr unterschiedlichen Preisen verkauft. Ich habe mich letztlich für das Original Fliegerband in der schwarzen Ausführung entschieden.
Das Band ist sehr gut verarbeitet. Es trägt konstruktionsbedingt an der Unterseite natürlich relativ dick auf, fühlt sich am Arm aber trotzdem angenehm an, weil das verwendete Leder einen guten Kompromiss zwischen Robustheit und Nachgiebigkeit darstellt.  

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Zum Abschluss hier noch drei Bilder der fertigen Uhr aus unterschiedlichen Perspektiven.

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